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Die schwarze Kiste auf dem Dachboden
Um 1994 tauchte eine weitere Geschichte über die Ursprünge des Reiki auf, die die Reiki-Gemeinschaft weltweit in helle Aufregung versetzte. Mittlerweile ist es offensichtlich geworden, dass viele der überaus erstaunlichen Behauptungen in dieser Geschichte keine reale Grundlage haben. Ich möchte sie hier dennoch erwähnen, weil sie deutlich macht, wie wichtig es ist, bei allen Informationen, die über Reiki in Umlauf sind, einen wachen und kritischen Verstand zu bewahren. Die folgende Zusammenfassung basiert auf einem englischsprachigen Text, den ein bekannter australischer Reiki-Meister veröffentlicht hatte. Dieser Text ist – verständlicherweise - nicht mehr online, so dass ich ausnahmsweise auf eine Quellenangabe verzichten möchte.
Er übergab diese Schatulle angeblich Dr. Watanabe Kioshi Itami, der sein bester Schüler und Freund gewesen sein soll, in Reiki-Kreisen aber unbekannt ist. Kurz darauf starb Usui. Watanabe deponierte die Kiste in einem kleinen japanischen Kloster, wo sie unbeschadet die Kriegswirren überstand. 1946 reiste Captain Blackwell, ein amerikanischer Armeeoffizier und Vater von Richard Blackwell, auf der Suche nach japanischen Kunstgegenständen in die Gegend. Er kam in das Kloster, wo Mönche ihre Habseligkeiten, darunter die Lack-Schatulle, verkauften, um damit den Wiederaufbau des mittlerweile zerstörten Klosters zu finanzieren. Blackwell kaufte die schwarze Lack-Schatulle mit den Texten, denn er war als war praktizierender Shingon-Buddhist sehr an den buddhistischen Traditionen interessiert. Ein Jahr darauf wurde Richard Blackwell in Japan geboren. Die Familie kehrte in die USA zurück und nahm auch die Kiste mit. Blackwell berichtete weiter, sein Vater habe erkannt, wie wertvoll die Dokumente waren. Er habe sie angeblich grob übersetzen lassen, und in dieser Übersetzung sei von spirituellen Heilungsmethoden die Rede gewesen, in denen auch die Worte „Rei Ki“ mehrfach auftauchten. Richard Blackwell erzählte weiter von seinem erstaunlichen Leben: Er sei als Shingon-Buddhist aufgewachsen, mit seiner Familie um die Welt gereist, habe Klinische Psychologie studiert und sei in Katmandu und Nepal gewesen, um dort buddhistische Unterweisungen zu erhalten. Später sei er als inkarnierter Lama (hoher buddhistischer Geistlicher) anerkannt und 1986 als Priester eingeweiht worden. Er haben den Titel „Lama Yeshe Drugpa Trinley Odzer, der Neunte Drugmar Rinpoche des Drugpa Kagyu Ordens in Bhutan“ erhalten. Belege für diese Behauptung legte Richard Blackwell bislang nicht vor, auch Anfragen in buddhisten Kreisen, bis hin zum Dalai Lama, ergaben, dass er dort vollkommen unbekannt ist. 1994 zog er nach Portland, Oregon, zusammen mit seinem wichtigsten Schüler, der angeblich ein Reiki-Praktizierender gewesen sein soll. Eines Tages telefonierte Richard Blackwell mit seinem Vater, Captain Blackwell, der zu der Zeit in Brüssel lebte. In einem Nebensatz erwähnte er die Reiki-Aktivitäten seines Schülers. Captain Blackwell erinnerte sich der Texte, die er vor so langer Zeit gekauft hatte. Lama Yeshe begann daraufhin in einem mühseligen und langwierigen Prozess, diese Dokumente übersetzen zu lassen. Angeblich bestätigte später ein namenloser deutscher Antiquar, dessen Identität nie aufgeklärt werden konnte, dass es sich bei den Dokumenten um authentische Manuskripte des 7. bis 19. Jahrhunderts handelte, die sich mit der Reiki-Tradition und -Lehre befassten. Eine neue Reiki-Lehre wurde begründet, das Men Chhos (oder Medizin Dharma) Reiki, das nun natürlich alle bereits bestehenden Reiki-Schulen an Authentizität übertraf. Mit den Tagebüchern Usuis und seiner Sammlung konnte natürlich niemand konkurrieren! Der Name „Men Chhos Reiki“ erhielt ein Warenzeichen, eine Gesellschaft wurde gegründet, Kurse angeboten, die regen Zulauf erhielten. Lama Yeshe schrieb ein Buch, dass in Indien auf Englisch herausgegeben wurde. Es gab Versuche, das Buch 2002 von Jürgen Kindler und Oliver Klatt ins Deutsche zu übersetzen. Renommierte Reiki-MeisterInnen wie z.B. Paula Horan, seit Jahrzehnten in der Reiki-Szene bekannt, wurde laut eigener Aussage von Lama Yeshe als „Linienhalter“ dazu autorisiert, über das Medizin Dharma Reiki zu schreiben und es zu lehren, und warben für diese Methode. Mit anderen Worten, die Methode war wirklich der letzte Schrei, was Reiki anging. Nun war natürlich die Reiki-Gemeinschaft daran interessiert, die Dokumente mit eigenen Augen zu sehen. Lama Yeshe vertröstete seine Anhängerschaft jedoch wieder und immer wieder. So hatte er bis zum Sommer 2002 eine unabhängige Überprüfung der Dokumente zugesagt, diese ist bis heute (Ende 2005) nicht erfolgt. Stattdessen regten sich immer mehr Zweifel, was die Wahrheit dieser phänomenalen Geschichte anging. nach oben | ||||
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| Der verschwundene Lama 2002 tauchte dann ein Gerücht auf: Blackwell habe die Geschichte nur erfunden, damit sie besser von der Reiki-Gemeinschaft aufgenommen werden würde. In Wahrheit habe Blackwell sämtliche Informationen nur gechannelt, d.h. auf geistigem Wege von dem verstorbenen Usui empfangen. 2003 wurden dann Tonbänder veröffentlicht, auf denen angeblich die Stimme Blackwells zu hören war, wie er Usui channelte. Im Gegenzug wurden die SchülerInnen des Medizin-Dharmas von einem „Meister Tsien Rinpoche“ aus dem Umfeld Richard Blackwells auf sehr unliebsame Weise beschuldigt, unfähig zu sein, das Wissen zu empfangen, sich der Autorität eines Lehrers unterzuordnen und ihre persönliche Freiheit aufzugeben. Die SchülerInnen hätten ihren Eid gebrochen, indem sie ihren Lehrer, seine Aktivitäten oder seine Lehren infrage gestellt hätten. Der Brief von Tsien Rinpoche ist im Internet nachzulesen, leider fehlt eine Quellenangabe: Jürgen Kindler und Oliver Klatt, die bereits erhebliche Summen in die Übersetzung des Buches gesteckt hatten, machten sich neben einigen anderen daran, die Echtheit der Geschichte zu überprüfen. Leider blieb der Versuch, die Original-Dokumente jemals mit eigenen Augen zu sehen, vergeblich. Und nicht nur das: „Alle Versuche, mit Lama Yeshe (Richard Blackwell) persönlich in Kontakt zu treten, blieben bis heute erfolglos“, schreibt Oliver Klatt im „Reiki-Magazin“ (2003). Er fährt fort: „Da nun die einzige Person, die je ein „Original-Manuskript Usuis“ gesehen haben will, der Autor selbst war, dessen Buch wir in Deutschland veröffentlichen wollten, während dieser uns offenbar ignorierte, und darüber hinaus alle Personen, die - laut Aussage des Autors bzw. von Reiki-Meistern aus dessen Umkreis - den Beweis für die Echtheit des Materials bereits erbracht haben sollten, inzwischen verstorben oder nicht auffindbar sein sollten, ergab sich nunmehr eine Situation, die es so gut wie unmöglich machte, die Veröffentlichung des Buches weiter ernsthaft zu verfolgen. ...“. Auch das Vertrauen der neu ernannten „Linienhalter“, darunter Paula Horan, wurde nachhaltig erschüttert. Sie verkündete öffentlich, dass sie das „Medizin Dharma Reiki“ nicht weiter unterrichten wollte. nach oben | ||||
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| Verdeckte Operationen Was dann folgte, war eine noch abstrusere, unglaublichere Version der ganzen Geschichte, die wirklich das Potential für einen Agenten-Thriller hatte. Meister Tsien Rinpoche berichtete in seinem bereits oben zitierten Schreiben, dass der Lama von 1969 bis 1974 Agent der Federal Security Agency der USA gewesen sei und bei verschiedenen verdeckten Operationen unter einer Tarnidentität für die Regierung gearbeitet habe. Dies sei auch der Grund, warum über ihn keine näheren Informationen verfügbar wären. Da er später Kontakt zu sehr einflussreichen ausländischen Personen hatte, die in den Vereinigten Staaten lebten, wurde er in einen „halb-aktiven Status“ zurückberufen und sei erst 1998 vollständig entlassen worden. Meister Tsien Rinpoche gesteht dann in diesem Brief, er habe tatsächlich eine kleine Täuschung begangen, und erzählt nun die "wahre" Geschichte, wie Usuis angebliche Dokumente in den Westen gelangt seien: 1944 habe er in der Mandschurei die Schatulle von Dr. Watanabe persönlich erhalten. Umrankt wird diese „Tatsache“ von blumigen Schilderungen seiner glorreichen Tätigkeit als Berater am Hofe des Kaisers der Mandschurei (ein Teil von China, der damals von den Japanern besetzt war). Es sei also nicht Captain Blackwell gewesen, der die Schatulle im Kloster gekauft habe. Es sei auch keine Lackschatulle gewesen, sondern eine antike, in Leder gewickelte Kassette. Danach folgt eine noch verworrenere Geschichte, in der Tsien versucht zu erklären, wieso er zunächst einem Bekannten, dann dem Lama vorgeschlagen habe, an seiner Stelle die Dokumente zu veröffentlichen. Abschließend bittet er die Schüler des Lamas, den Lama finanziell zu unterstützen, und verspricht, dass ein ausgewähltes Dokument aus Usuis Originaldokumenten treuen Schülern im Sommer (2003) zugänglich gemacht werden soll. Der Autor, der diesen Brief auf seiner Webseite veröffentlicht hat, ergänzt, dass niemand im Men Chhos Reiki jemals besagten Meister Tsien Rinpoche gesehen oder gehört habe, und dass es niemandem erlaubt sei, mit ihm in irgendeiner Form Kontakt aufzunehmen, obwohl mehrfach darum gebeten wurde. nach oben | ||||
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| Vom Winde verweht? Die Webseiten des Men Chhos Reiki sind nicht mehr aufrufbar, eine deutsche Übersetzung des Buches wird es definitiv nicht geben, und diverse Reiki-Meister haben sich öffentlich von Richard Blackwell distanziert. Der Lama selbst ist sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden – dachte ich zumindest, bis ich für eine Überarbeitung dieses Artikels im Internet recherchierte. Tatsächlich gibt es noch eine einzige Seite, die dieses System weiter anpreist, Seminare anbietet und über Richard Blackwell berichtet, er sei dabei, die Übersetzung von Usuis Material zu vollenden. Dieser Seite zufolge lebt Blackwell derzeit in Portland, Oregon, und unterrichtet sein System weiterhin, allerdings im Einzelunterricht. Das System wurde mittlerweile umbenannt in Men Chhos Rei-Kei®. Voraussetzung für die Teilnahme an den Kursen ist offenbar, dass man Buddhismus praktiziert und zahlendes Mitglied in der „Internationalen Men Chhos Rei-Kei® -Vereinigung“ wird. Die Mitgliedschaft in dieser Vereinigung muss während des gesamten Trainings aufrecht bestehen bleiben. Der Mitgliedsbeitrag beläuft sich auf 50 $ pro Jahr. Es finden sich auch einige Texte auf der Seite, die angeblich direkt von Mikao Usui stammen, wie z.B. eine Beschreibung seiner Erlebnisse auf dem Berg Kurama und ein Vortrag für seine Studenten, der vorgibt, aus dem Jahre 1919 zu stammen. Auch ein Teil von Usuis „Autobiographie“ mit netten, belanglosen Anekdoten über ungewaschene Nicht-Japaner und seine angebliche Ausbildung als Arzt, mit unterhaltsamen Schilderungen über gelungene Gallenblasenoperationen, ist dort veröffentlicht. Nicht zuletzt finden sich in dieser „Autobiographie“ auch „profunde Wahrheiten“ wie „Tod ist eine Illusion“ und „Jeder Mensch ist ein Fluß, der von der Vergangenheit in die Zukunft fließt“. Nun denn. Man darf gespannt sein, wann Richard Blackwell die geheimnisvollen alten Schriften endlich vollständig übersetzt haben wird, und wir Mikao Usui aus einer völlig neuen Perspektive betrachten dürfen. nach oben | ||||
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| Resümee Soviel zur Geschichte der schwarzen Lack-Kiste, die nach Jahrzehnten des Vergessens verstaubt auf einem alten Speicher wieder gefunden wurde und für eine kurze Zeit das Reiki zu revolutionieren versprach. Wären nicht so viele Leute enttäuscht worden, und hätten sie nicht solche finanziellen Verluste erlitten, wäre es einfach nur komisch. Offenbar hat diese Geschichte eine Sehnsucht erfüllt, einen Wunsch danach, die wirklichen Ursprünge des Reiki zu entschlüsseln, seine spirituellen Wurzeln zu entdecken. Und leider haben offenbar damals alle Beteiligten in ihrem Enthusiasmus ihren kritischen Verstand abgeschaltet. Etwas, was nicht nur in der Esoterik-Szene, sondern auch woanders vorkommt (man denke nur an die „Hitler-Tagebücher“), aber die Esoterik-Szene scheint ganz besonders anfällig für derartige Täuschungen zu sein. Nicht umsonst wird Neptun, der Planet des Mitgefühls, der Spiritualität und der Erleuchtung, gleichzeitig mit Vernebelung, Unaufrichtigkeit und Täuschung assoziiert. Beides sind zwei Seiten einer Medaille. Es ist deshalb ganz besonders wichtig, dass Menschen, die sich auf den spirituellen Pfad begeben, ihren wachen Verstand nicht abschalten, sondern umso kritischer und aufmerksamer die Informationen überprüfen, die ihnen angeboten werden. Dies betrifft ebenso alle Informationen in den Kapiteln über die Geschichte, die ich hier wiedergegeben habe. Eine wirkliche Bestätigung, dass die Informationen stimmen, habe ich nicht. Es hat einen Mikao Usui gegeben, der ein Heilungssystem entwickelt und unterrichtet hat. Und ebenso gab es eine Reiki-Gesellschaft, die heute noch existiert. Vermutlich war Reiki, wie Usui es lehrte, etwas anderes als das, was wir heute hier im Westen kennen. Aber es bleibt fraglich, ob wir tatsächlich jemals herausfinden werden, was genau der Inhalt der Lehren Usuis war. Alles, was wir tun können, ist, uns auf unseren eigenen Weg zu begeben, mit Reiki zu arbeiten und uns von ihm lehren lassen, was das Herz des Reiki ist. Und letztlich ist es auch unwichtig, ob Usui ein christlicher Missionar, ein Tendai- oder ein Shingon-Buddhist war, wann er nun die Symbole in das Reiki eingeführt hat, wie seine Lehre genau aussah. Letztlich zählt nur noch das Reiki allein, die Energie, die für jeden erfahrbar ist, die so heilsam ist, und heute wie damals kleine und große Wunder bewirken kann. Man muss sich nur auf den Weg machen und es erfahren .... nach oben | ||||
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| Literatur Autor unbekannt: Medicine Dharma Reiki Files. 2003. Klatt, Oliver: Die „Tagebücher Dr. Usuis“ - ein spirituelles Lehrstück. Reiki-Magazin, Ausgabe 2/2003. Bildnachweis 1. Richard Blackwell: Medicine Dharma Reiki Files nach oben © Stefanie Rappat, 2004 – 2005. | ||||
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